Samstag, 12. Juli 2014

Nichts außer Bauchkratzen

Seit Kostanay ist nicht viel spektakuläres passiert. Nahezu unveränderte Landschaften in der Kornkammer. Das spannendste waren die tollen Wolkenkonstellationen des in den letzten Tagen nahezu durchgehend bewölkten Himmels (hatten dennoch wieder bis zu 40°C). Schön waren insbesondere die Sonnenuntergänge oder die Regenwolken. Doch auch die gehörten schnell zum alltäglichen Programm, dass es schwer war, sie angemessen zu würdigen. Wir fuhren routiniert unsere 80-90km am Tag - es war beinah langweilig. Dennoch war unsere Stimmung sehr gut - vielleicht stumpfen wir ab.
Da es wie üblich im Sommerloch nicht viel zu berichten gibt, werden alte Gedanken und Anekdoten aus den Tiefen der mittlerweile über vier Monate alten Erinnerungen gefischt.
Kaum waren wir aus Kostanay draußen, trafen wir wieder nette Menschen!
In Anlehnung an Mos Überlegungen, ob hier einfach statistisch überproportional viele nette Menschen sind oder wir einfach nur Glück haben (Abkuerzungindiemongolei - All good), möchte ich eine weitere Perspektive hervorheben.
Zunächst einmal denke ich, dass es ein Mix aus Mos Überlegungen ist, ergänzt durch die Tatsache, dass wir einfach toll sind! Vielleicht sogar, aber ich möchte nicht unbescheiden sein, supertoll!!!
Tatsächlich denken so wohl viele Menschen die wie treffen über uns. Dass wir das Gefühl nicht ganz teilen können schrieb ich an anderer Stelle. Doch wir sind auf jeden Fall exotisch, besonders und/oder irgendwie interessant, sodass uns jede zweite Person auf der Straße hier anspricht, mit dem Auto anhupt oder mit dem Auto neben uns her fährt, den Verkehr blockiert und versucht mit uns Konversation zu betreiben - darin sind wir mittlerweile wirklich gut, ohne wirklich etwas zu verstehen.
Doch kaum sind wir ohne unsere Fahrräder unterwegs, sind wir uninteressant oder gar merkwürdig und werden schräg angeschaut. Ersteres ist klar, denn wenn man in Zivil herumläuft fällt man nicht auf. Zweites allerdings ärgert mich manchmal schon: Ich war zum Beispiel in meinen Fahrradklamotten (frisch gewaschen, aber dieser Style wartet noch auf seinen Durchbruch; und einige Flecken entstanden in situ, sie markieren den Beginn einer neuartigen Tarnuniform)... also ich war in entsprechenden Style Obst und Gemüse kaufen, das Fahrrad war nicht in Sichtweite abgestellt. Die Verkäuferin blieb mir gegenüber kurz angebunden und schien mir zu misstrauen - so schräg angeschaut zu werden, bekommt man richtig Lust einen Apfel zu klauen. Doch konnte ich das Eis etwas brechen, als ich wie üblich beim Bezahlen einfach einen Haufen Münzen ihr entgegen hielt - das entlockt meist zumindest ein Schmunzeln.
Zurück beim Fahrrad stellten wir fest, die Zwiebeln vergessen zu haben. So hielten wir diesmal mit Rad und Gepäck zum zweiten Mal vor ihr. Woran sie mich wiedererkannte vermag ich nicht zu sagen, da ich nun völlig verändert mit Helm statt Glatze vor ihr stand. Vielleicht war es den schönere Anblick (über Geschmäcker lässt sich streiten), aber von Skepsis und Ekel gab es keine Spur mehr, sondern nur noch gnadenloses Interesse!
Diese Erfahrung oder vielmehr mein Empfinden sind kein Einzelfall gewesen.
Und in Selbstreflexion kann ich die Verkäuferin auch verstehen:
Aber vielleicht schaffe ich es das nächste Mal, eine merkwürdige singende Person nicht gleich zu Verurteilen, sondern sage mir dann, "mhhh da ist das Mikrophone aber von schlechter Qualität" (Elis, vielen Dank für die Perspektiverweiterung damals!)
Doch zurück zu den netten Menschen! Wir waren kaum heraus aus der Stadt, als wir das erste Café ansteuerten um Mittag zu essen. Das Lokal war von einer Hochzeitsgesellschaft okkupiert, aber man fand etwas zu Essen und zu trinken für uns. Die Einladung zum Vodka lehnten wir dankend ab, zu groß war deren Vorsprung. Man half uns bei der Bestellung beim Kellner und lies uns dann in Ruhe essen. Als wir weiter fahren wollten, retteten uns die Leute präventiv aus den berühmt berüchtigten kasachischen Schlaglöchern. 130km sollte die Straße noch asphaltiert sein und dann katastrophal werden. Und wenn Menschen hier von katastrophalen Straßen sprechen, ist in Deutschland schon lange nicht mehr an Straße zu denken. Wir folgten also deren Rat, bis kurz vor Kostanay zurück zu fahren und dann die südliche Route zu fahren. Die ist zwar kürzer, jedoch hatten wir uns zunächst aufgrund weniger Gewässer auf dieser Strecke und wohl dichter befahren dagegen entschieden. Doch wir bleiben lieber etwas dreckiger, als auf den kasachischen Straßen mit allen Wassern gewaschen zu werden.
In Gedanken versunken fuhren wir also in die Tage hinein. Wir dachten viel nach über den Verlauf der Reisen und ließen viele Bilder und Erlebnisse revue passieren. Grund genug gab es, denn irgendwo hier in der Gegend feier(te)n wir auch die Halbzeit. Besonders ein Erlebnis prägte uns. Im Kaukasus kurz vor Gudauri am Berg krepierten wir beinahe. Niedrigster Gang und es war höllisch schwer zu treten. Nach einer Pause stieß  ein älteres Ehepaar Annie und Steve (um die 70-75 Jahre alt) zu uns. Wir fuhren ein paar Kilometer gemeinsam. Mo und ich hatten ernsthafte Schwierigkeiten deren Tempo mitzugehen, was wir versuchen über das deutliche Mehr an Gepäck auf unseren Rädern zu erklären. In dem Zuge lernten wir eine Theorie kennen, die nicht nur den Radsport revolutionieren wird, sondern seit je her unseren Alltag bestimmt. Annie gab uns den Ratschlag: "nehmt einen höheren Gang, dann könnt ihr schneller fahren!" Völlig außer Atem fehlte uns leider die Luft zum lachen!
Aber seit dem fassen wir sämtliche abstruse, paradoxe Ideen und Vorschläge unter "Annie's Theory" zusammen! Beispielsweise wenn der Wind von vorne bläst, kommt meist vom im Windschatten fahrenden der Vorschlag schneller zu fahren, dann wäre man früher raus aus dem Wind.
Was auch unsere Kommunikation stark beeinflusst ist die GMT (Georgien maybe time). Daran anknüpfend haben wir in einem der kasachischen Cafés (Truck-Stop, Restaurants) eine lustige Situation erlebt. Hungrig und durstig freuten wir uns auf eine kalte Sprite und irgendwas zu Futtern! Die Speisekarte blieb für uns wie immer verschlüsselt. Also wurde gestikuliert. Eigentlich recht verständlich deutete ich auf das Mahl eines anderen Gastes. Ich glaube er aß Gulasch - War mir auch egal, ich hatte Hunger!!! Etwas irritiert fragte die Kellnerin nach: "Spaghetti?" Wie sie darauf kam wusste ich auch nicht, aber möglichen Diskussionen vorweggreifend sagte ich einfach: "да!"
Sie fing beschämt an zu lachen und sagte so was wie: "нет Spaghetti!"
Ahhhhhh dann halt was anderes!
Aber so wurden diese Situation metaphorisch bei uns zum geflügelten Wort: "yes, yes.... but no!"
Aber werden wir doch wieder aktueller.
Die kasachischen Polizisten halten uns gerne an. In unseren Augen wieder ein typischer Fall von Machtmissbrauch. Doch konsequenzlos. Sie halten uns aus bloßen Interesse an. Anstrengend ist lediglich das abbremsen und wieder anfahren. Das letzte mal hatte Moritz aber einen guten Einfall. Am Straßenrand stand ein Polizist, sich gerade von einem kontrollierten Auto verabschiedend, und fing an, kaum dass er uns hat an Horizont auftauchen sehen, wild zu gestikulieren. Es war unmisseverständlich: wir sollten halten! Während wir noch auf ihn zufuhren spielte Mo den Naivling und winkte höflich zurück.
Wir haben es letztlich nicht durchgezogen, wäre aber sich spannend gewesen. Aber es wird sich sicherlich noch mal eine Gelegenheit bieten. Mal sehen ob wir dann den Mut haben. Solltet ihr in den kommenden Monaten nichts mehr von uns hören, waren wir mutig!
Kurz bevor wir am Tag 133 dann in Atbasar ankamen, hielten wir noch an einer der berühmten Cafés. Uns lächelte im Kühlregal selbst abgefüllte Milch an! Mensch hatten wir Appetit darauf! Frische, kühle Milch! Wir bekamen den Hinweis, dass es aber Pferdemilch sei! Ein kasachisches Nationalgetränk!
Klang interessant! Aber was solls: Milch ist Milch!
Es war dann das ekelhafteste Getränk, das wir je getrunken haben! Wir können froh sein, wenn es Stutenmilch war! Es schmeckte gegoren und geräuchert und ekelhaft... und in der kommenden Nacht mussten wir feststellen, dass es nicht nur dem Gaumen nicht mundete, sondern, ob dem darin enthaltenen Alkohol, kein Magenschließer war...
Doch ehe ich nächtliche Spaziergänge vollführte, hatten wir noch die Zeltplatzsuche. Eigentlich fanden wir recht schnell ein schönes Plätzchen. Leider hielt nicht allzu bald ein Auto neben uns und es stieg ein alkoholisierter Mann aus. Er wollte sich mit uns unterhalten und trinken. Uns war nicht danach - weder noch! Mo zog denn Kürzeren und ich beobachtete. Ich beobachtete ein hier in der Region typisches Verhalten, was dennoch einen Lachflash bei mir verursachte! Da es hier öfter heiß ist ziehen viele Männer ihr T-Shirt soweit hoch, dass sie es als Bikini tragen. Mir fiel eine Plautze entgegen, die bezeugte, dass neben Vodka wohl auch Bier von dem ansonsten sehr netten Mann bedingungslos vernichtet wird. Ich versuchte meinen Lachanfall hinter vorgetäuschten Niesern zu verbergen und drehte mich um. Als ich mich einigermaßen gefasst hatte und den Augen die nächste Schocktherapie verabreichen wollte, brach ich völlig weg. Denn ich sah nun Moritz mit einem breiten Grinsen genauso da stehen.
Manche kulturelle Gepflogenheiten adaptiert Moritz tatsächlich sehr schnell und ich schäme mich für meine Unhoflichkeit.
Jetzt noch einige Impressionen der letzten Tage.

Sonntag, 6. Juli 2014

Offline

So wir sind wieder unterwegs.

Wir werden für die kommenden Tage/Wochen also wieder ohne Internet sein.

Auch mögliche Telefonanrufe werde ich ignorieren. Über SMS freue ich mich jeder Zeit, bitte aber um Entschuldigung, wenn ich nicht darauf antworte. Denn wir machen nur Pausen um zu schlafen und außerdem greift die Telefonrechnung dann doch irgendwann die Geldbörse an...

Bis bald - spätestens aus Astana


Samstag, 5. Juli 2014

Fotos von Orsk bis Kostanay

1) Stadtführung mit Anton (neben Mo)
2) Schläge für Mo
3) Drei Engel für Charlie
4) Abkühlung und Çay
5) Die Flüsse verschilften zunehmend
6) Zwischen Himmel und Hölle, wir hatten kein Regen!
7) Zustand der Straßen in Russland eher als Ausnahme, Mo soweit abgeschlagen normal!
8) Pain Perdu oder "Pont (Brücke) per Du" oder "Pimper-Du" (Moritz)
9) Aber es gibt Flüsse die Wasser tragen!
10) Pausenplatz am See
11) Studioaufnahmen
12) frei übersetzt: "der Ossipuff"
13) Kühe die in unser Badewasser pinkelten verjagen! Das dürfen nur wir!!!
14) mit Pinkelwassermix waschen
15) Ball spielen mit Lisa und Sascha
16) In Sanarka mit Lisa, Victor und Sascha bei einem köstlichen Mahl, u.a. борщ (Borschtsch)
17) Berlin!
18) nur 15km noch! 6670km im Kreis gefahren.
19) selbst gemachte борщ - die in Sanarka war besser.
20) Fußball gucken in Kostanay

Freitag, 4. Juli 2014

All good

After we had an amazing time in Orsk, which Vicky made possible by organizing everything for us and helping with our problems with the russian language we continued our journey north towards Troitsk. Although we keep improving, our russian is not perfect yet, as we learned again today at the migration police where we had to register. Some people seem to think that if they repeat the sentence louder with intensive eye contact ,that you will understand it. Well, we usually don't.
On our way to Troitsk we got invited by some really nice people who let us stay at their home (have look at Cedrics blog entry http://abkuerzungindiemongolei.blogspot.com/2014/07/von-schlagen-in-der-sauna-und-anderen.html?m=1 )
That we just met those people without doing anything but sitting by the river got us thinking. Somehow some of the best things on our trip just happened without us doing anything but being at the right place at the right time. But maybe even that is not true. I think, that other good things would have happened if we would have taken a different turn or stayed longer in one place. Somehow everywhere we go there are good people. Either we are incredibly lucky, we just like everybody or there are so many more good people than bad ones, that you dont even get in touch with those.
I am positive ,that we will continue meeting good people on our journey, if by statistics or luck. I am fine with both.
Since i still dont have a camera, below only one photo taken with my phone at one of those good people's house. Cedric with his secret crush, Lisa.

W wie ...

Wieso, weshalb, warum?
Die W-Fragen begleiten uns - nicht zuletzt in der Heim-Weh-Form. Doch hinter dem W verbirgt sich noch mehr:

W nicht wie "Школа"!

W wie "что за херня" auf englisch (etwas was wir beim Lesen kyrillischer Schriftzeichen und nach dem Entschlüsseln derselben noch viel öfter denken, da der Inhalt unverständlich bleibt)

oder eben
W wie Weberberg.de

in russischer Schrift vielleicht
ВЕБРБЕРГъ.ДЕ

spricht man vermutlich wjiberbjerg aus...

Von Schlägen in der Sauna und anderen Spaßigkeiten

Kaum hatten wir Orsk verlassen überquerten wir auch schon wieder den Ural und waren wieder in Asien. Grenzen sind doch wahrlichh willkürlich gesetzt. Weder Menschen, noch Landschaft, noch Klima, noch irgendetwas anderes waren backbord oder steuerbord des Urals anders - nicht einmal die ebenso Menschen gemachten Regeln und Gesetze.

Aber bis wir am Tag 115 (Mo, 23.6.) aus Orsk heraus fahren konnten, war noch einiges zu erledigen. Dies wäre ohne die Mithilfe von Vicky, ihrer Mutter, Maxim und einem netten russischen Radlerpaar undenkbar gewesen. Vielen Dank auch für die zum Teil vergebene Mühe!

Der Tag 115 begann spät, da wir abends zuvor bei Maxim einen langen Abend hatten. Maxim, oder wie er sich gerne nennen hört "Maximus", spricht etwas deutsch und beim Rest wird wie gewohnt Zeichensprache und Pantomime zur Hilfe genommen. Er verwirklicht in seinem Garten sukzessive seine Kindheitsträume. Geplant sind noch eine Bowlingbahn auf seiner entstehenden 13m langen Garage und ein Basketballplatz neben dem zu bauenden Swimmingpool, gleich hinter dem Saunahaus. Letzteres steht bereits. Er hat binnen drei Jahren sich eine Dampfsauna mit Whirlpool im Vorraum gebaut. Darin waren wir bei gutem Essen, kühlem Vodka, heißer Sauna und deutscher Rapmusik (Max Musikfavoriten sind Sido und Assad) für gute sechs Stunden und hatten eine Menge tiefsinniger bis weniger tiefsinniger Gespräche. Doch ganz bestimmt erlebten wir einer der besten Abende der Fahrt. Ich meine, wer hat schon mal von einen Deutschland-begeisterten Russen, der sich als halber Deutscher sieht, in Russland etwas über verschiedene Saunavarianten und parallel etwas über die deutsche Rapkultur gelernt? - dennoch bevorzuge ich weiterhin richtige Musik.

Die ersten Saunasitzungen waren finnische Varianten: sitzen und schwitzen - das hatten wir zwarbdie letzten Wochen schon zu genüge, doch war es schön dabei mal nicht strampeln zu müssen.
Dann kam die russische Variante, welche Maximus uns zuvor mit einem grellen Schrei und dem Andeuten von panischen Fingernkratzen an einer Wand, so als wöllte man fliehen, pantomimisch erklärte. Wir waren gespannt und nervös. Bei der russischen Sauna liegt man und wird mit Birkenzweigen ausgepeitscht. Das kurbelt zwar nicht die hiesige Konjunktur, doch aber die Durchblutung des sich-"Entspannenden" an, sodass es irgendwann echt zu schmerzen beginnt - aber kein Schrei kam über unsere Lippen, denn unsere Haut war rot und ein Indianer kennt keinen Schmerz (ist das wieder ein typischer Fall von (positiven) Rassismus?)

Es war auf jeden Fall wohltuend. Denn tagsüber hatten wir eine persönliche Stadtführung. Super interessant, aber auch anstrengend. Vicky hatte Anton, einen Geschichtsstudenten, für uns organisiert. Während eines langen Spaziergangs zeigte er uns die Stadt und deren geschichtliche Hintergründe. Orsk in seinen heutigen Dimensionen stammt wohl aus den Evakuierungsmaßnahmen ganzer Städte und Dörfer der Sowjetsunion in den 1940er Jahren. Orsk pendant ist eine ukrainische Stadt gewesen. Interessant ist auch, dass (die Idee wohl aus dieser Zeit stammend) einige Fabriken in Russland binnen 10 Stunden von ziviler zu militärischer Produktion umgebaut werden können. Anton erklärte uns dies anhand einer Zigarettenfabrik, die in einem ganz bestimmten Durchmesser produziert, der auch für Munition verwendet wird. Es bleibt offen, ob die Soldaten ohne Kippe in der Gusche überhaupt über die Kimme der Flinte gucken wollen.

Jedenfalls war der Tag mit Stadtführung und Sauna so gut, dass wie erst um 2 Uhr völlig erschöpft im Bett lagen. Leider verpasste ich damit das spannende Formel 1 Rennen - aber kein vernünftig denkender Mensch hätte das Rennen der Prügel vorgezogen.

Entsprechend spät begann Tag 115. Ziel war es sich zu registrieren (laut unserem Visa-Reisebüro muss man sich binnen 7 Tagen in Russland melden) und ein Paket mit überflüssigem Kram nach Deutschland zu schicken. Beides war problematischer als gedacht:

Für die Registrierung gingen wir zunächst zu Post, welche diese normalerweise durchführt. Die Angestellten forderten eine Menge Kopien, den Nachweis einer Unterkunft und wiesen uns letztendlich ab!!!! Plötzlich, also nach 30min stellten sie fest, dass sie für solche Registrierung gar nicht zuständig seien, sondern wohl das Migrationsbüro...
nagut - dann wenigstens das Paket abschicken?
Nee das ginge auch nicht!
Dafür müsse man zur Hauptzentrale!!!
Aahhh - hat dieser Postamt überhaupt eine Funktion?

Dieser Informationszugewinn geschah darüber hinaus auf eine unhöfliche und abweisenden Art und Weise mit hohem Desinteresse und ohne Hilfsbereitschaft, sodass wir ohne die Unterstützung von Vicky und Co aufgeschmissen gewesen wären.

Nächste Station war also das Migrationsbüro, wo weitere Unterlagen auszufüllen waren, ehe man sich bei einer der Angestellten, die sich ganz schön dämlich anstellen, anstellen durfte. Zwischendrin erfuhren wir aber von einer privaten Person, dass dieses Amt solche Registrierungen gar nicht durchführe...

Aahhhh!!???

Entnervt wie wir waren und mit viel Verständnis der in der Schlange stehende Personen durften wir uns vordrängeln. Im Zimmer der Beamtin erfuhren wir dann, dass eine Registrierung nur dann notwendig ist, wenn man sich länger als 7 Tage in EINER STADT aufhält... ahhhh!!!

Wir verspürten Freude und Wut zugleich!  War der ganze Stress umsonst? Nur aufgrund einer Fehlinformation haben wir nun eine Handvoll Personen überflüssiger Weise zur Hilfe genötigt? Dafür haben wir und vor allem unsere Helfer einen halben Tag investiert? Es tut uns Leid!

Immerhin war das Abschicken des Pakets für diese Verhältnisse dann im zentralen Postamt problemfrei, nur eben langwierig.

Aber bleiben wir gespannt - bis das Paket in Deutschland ankommt und wir hoffentlich ohne Ärger wieder aus Russland ausgereist sind... (Update: Ausreise ist mittlerweile ohne Registrierung am Tag 123 problemlos erfolgt)

Die ersten Kilometer aus der Stadt Orsk heraus wurden wir von Игорь und Маришка , dem russischen Paar, begleitet. Sie überhäuften uns noch mit kleinen Andenken und wünschten uns am letzten "Орск"-Schild dann viel Glück für die weitere Reise - vielen Dank, war schön euch kennen gelernt zu haben. Viel Spaß auf euren Touren!

Die Fahrt von Orsk nach Troitsk begann mit vielem (Mittags-)Pausen. Wir hatten endlich mal wieder Flüsse, in denen man baden konnte. Nicht viele Möglichkeiten ließen wir aus, aber auch nicht allzu viele trugen genug Wasser um appetitlich zu sein. Doch im Sinne der gleichmäßigen Verteilung (von Dreck) ist die Frage, was nach einem knapp 100km langen Tag mit viel Sonne, dreckiger ist: der Fluss/See oder Mo/Cé?

Neben den vielen Gewässern gibt es hier auch viele Birken. Es mag da vielleicht einen Zusammenhang geben, Biologe bin ich nicht. Definitiv gibt es aber einen Zusammenhang mit dem hohen Vorkommen der Birken und der Tatsache, dass wir ausgerechnet mit Birkenzweigen in der Sauna vermöbelt wurden. Ich bin froh, dass hier das dominierende Grünzeug keine Kakteen sind.

Wenig Wind und eine weitestgehend flache Landschaft ermöglichten uns nahezu in Spazierfahrt an die 100km/Tag zu fahren. Kein Begrenzungspfahl hielt uns auf, lediglich am Tag 119 ein Loch in meinem hinteren Schlauch und kurz darauf folgend ein "Platzer" des selbigen. Dennoch wären wir binnen 6 Tagen in Troitsk. Da wir dort aber in der Nacht vom 30.6. zum 1.7. im Hotel mit Fernsehanschluss sein wollten (zufällig spielte da um 2 Uhr Ortszeit Dtl vs Alg. Die WM wird auch nach dem Ausscheiden der russischen Mannschaft weiter frei empfangbar auf РОССИЯ 1 übertragen - ohne Untertitel), mussten wir einen Ruhetag einlegen. Tag 120 verbrachten wir an einem schönen, großen See. Zwar war es nicht zu heiß, aber dafür hatten wir ein heftiges Nachmittaggewitter und wenig Sonne.
Dann sollte es bis auf knapp 20km vor Troitsk gehen, damit wir am entscheidenden Tag nur noch kurz ins Hotel fahren müssten. Doch dann kam alles ganz anders und noch viel besser!

Wir fanden einen schönen Fluss, am Dorf Санарка und schlugen dort unser Zelt auf. Wenige Minuten später erschien ein Cowboy und war dermaßen fasziniert von der idiotischen Idee mit dem Fahrrad von Deutschland bis hier her zu fahren, dass er uns prompt zum Abendbrot einlud - so dachten wir! Unsere Missverständnisse bzgl Einladungen sind ja bekannt. Ich erinnere nur an den netten Türken, welcher uns noch heute das Frühstück zu den gebrachten drei Eiern schuldet.
Doch diesmal ging das Missverständnis zu unseren Gunsten aus, denn die Gastfreundschaft ging noch viel weiter. Wir erhielten Kost UND Logi!
Einzelzimmer!
Seit langem nächtigten Mo und ich nicht mehr in getrennten Zimmern. Zwar weiterhin nicht mehr als 1m voneinander entfernt, aber doch getrennt von einer Mauer! Toll!
Bevor es aber in das aus unserer Sicht wohl verdiente Bettchen ging, unterhielten wir uns noch ein wenig mit unseren Gastgebern. Dabei kam heraus, dass es unser Plan war für das Deutschlandspiel nach Troitsk ins Hotel zu fahren:
"плохо", Undenkbar! Hotels seien überteuert!
Daher wurden wir eingeladen für zwei Nächte zu bleiben. Dies bedeutete zwar den Verzicht auf Wifi, aber die Möglichkeit die Herzlichkeit von tollen Menschen weiter zu genießen und mit deren Enkeln Lisa und Sascha den freien Tag 122 Ball zu spielen.
Darüber hinaus bot uns der Schwiegersohn, Polizist von Beruf, an dem auf das Deutschlandspiel folgenden Tag, uns über die Grenze nach Kasachstan zu begleiten. Das war uns hinsichtlich des Restrisikos Registration sehr genehm. Zwar musste er dann doch zum Zeitpunkt unseres Übertritts arbeiten, aber das Angebot zeigt, wie hilfsbereit und nett die Menschen hier sind - zumindest uns gegenüber: wir sind ja aber auch süß!

Der Grenzübertritt nach Kasachstan war dann auch ohne fremde Unterstützung problemfrei. Wir erfuhren, dass man sich angeblich nur in Astana registrieren lassen kann. Zwar ist der Wind weiterhin günstig, was uns wieder locker Strecken über 90km erreichen lässt, aber binnen 5 Tagen ist Astana (900km) für uns nicht zu erreichen ist. Kostanay (200km) dagegen schon. Womöglich geht eine Zwischenregistrierung in Kostanay (Kaz), wie uns ein netter Schweizer auf dem Motorrad irgendwo auf den kaputten Straßen zwischen Atyrau und Aktobe berichtete (seinen Blog findet ihr unter http://saghirf.wordpress.com).
So ist unsere aktuelle Position Kostanay! Und zufällig, also tatsächlich zufällig, spielt Deutschland genau in der Nacht, in der wir im Hotel sind - gegen Frankreich! Für wen ich bin?
Für Deutschland natürlich - vielleicht!

Die letzten Wochen lassen sich für die Zeit die wir auf dem Rad saßen als relativ eintönig beschreiben. Wenig abwechslungsreiche Landschaften, gleicher, ja fast selber Tagesablauf. Die größte Abwechslung war sie Musik die wir hörten. Wir kamen dank des günstigen Windes so schnell voran, dass wir genauso viele Zeit Pause machten, wie wir auf dem Rad saßen - spätestens im Altai werden wir uns diese Zeit zurück wünschen.
Gleichzeitig lernten wir in so kurzer Zeit so viele tolle Menschen kennen, dass die Zeit unheimlich schnell vorüber ging. In Aktobe Sergey und Evgenii, in Orsk unter anderem Vicky, Maxim und Kosta, in Sanarka unter anderem Victor, Maxim, Victoria und nicht zuletzt auch Lisa und Sascha.

So kann es gerne weiter gehen...

Wir sind jetzt in Kostanay und werden gleich versuchen uns zu registrieren...

Fotos der letzten Zeit folgen bald!

Samstag, 21. Juni 2014

Von netten Menschen zu netten Menschen

Das Wichtigste vorne weg, ehe ich es vergesse:

- Wir sind wieder in Europa.
- Wir lernen Überall eigentlich nur nette Menschen kennen.
- Orsk (Russland) ist gar nicht so weit weg. Orsk haben wir in unserem Fahrplan mit aufgenommen, damit wir Vicky, einer Freundin von Mo, besuchen können. Das war bei Abfahrt klar, aber schien so wei zu sein, dass es unwirklich erschien. Nun tatsächlich hier zu sein ist irgendwie merkwürdig aber grandios zugleich - und bei so herzlichen Menschen sowieso.

Kasachstan haben wir unter sehr anstrengenden Bedingungen kennengelernt. Doch nach den ersten zwei Wochen (was? Zwei Wochen waren das wieder?) hat sich das abschreckende Bild Kasachstans zu einem deutlich freundlicheren gewandelt. Mittlerweile haben wir auch noch eine brandenburgische Facette hier entdeckt: den Spreewald! Ein tolles Wasserschutzgebiet 70km nordöstlich von Aktobe. Das klare, fließende Wasser aus einen großen See kommend war zwar sehr kalt, was aber unter denn warmen Bedingungen sehr angenehm war. Zwar haben wir nördlich von Aktobe nicht mehr die brennende Hitze aus der Wüste, zu bewölkt war es die letzten Tage. Doch unter dieser Wolkendecke staute sich eine drückende Hitze, die uns sehr ermüdete. Aber kaum lichtete sich diese Decke, wurde es mit dem stetig starken Wind sogar recht frisch. Neben den aus dem Berliner Umland bekannten schönen Gewässern, gibt es hier auch das in Brandenburg bekannte Fliegzeug: Bremsen, Mücken und anderes nervige Stechwesen trieben uns zur größter Eile das schützende Zelt aufzubauen und -suchen. Mein Glück ist nur, dass Mo attraktiver ist - für Fliegen, Mücken und Bremsen.

So fuhren wir eineinhalb Tage bis kurz vor die Grenze. Der Grenzübertritt war der problemloseste von allen. Zwar reisten wir aus Kasachstan noch aus wie Kassenpatienten. Doch um aus dem Niemandsland wieder herauszukommen und nach Russland einzureisen hatten wir Privatpatienten-Status! Wir waren vorangekündigt! Es etwartete uns ein Kamera-Team. Dies veranlasste die Grenzbeamten unsere Einreise zu beschleunigen, sodass sie uns an ein Fenster für die Gegenrichtung wiesen, welches gerade frei war - wir hatten keine Wartezeit. Doch die meiste Zeit sparten wir wohl dadurch, dass die üblichen, interessierten Nachfragen der Grenzbeamten ausblieben: "Откуда?"

Hinter der Grenze standen dann einige Radler samt Radgestell aus der Fahrrad-community Orsk, das FernsehTeam und Vicky für die Übersetzung bereit. Erste Interviews wurden geführt. Dann ging es auf die letzten 15km in die Stadt rein. Erstaunlich hügelig ist die Gegend und wohl auch verraucht, da es in der Nachbarstadt eine Zementfabrik ohne Filter (Vicky + Übersetzungsfehler) oder Kupfer/Chrom/Nickel (Wiki + Wikifehler) gibt - wohl aber ungesund (eigene freie Interpretation nach Analyse der Bilder).

Hier fließt der Ural, welcher einer der europäisch-asiatischen Grenzen markiert. So back in Europe!

Für unsere Unterkunft hat Vicky uns ein Zimmer bei einem Kumpel der Fahrradgemeinschaft organisiert. Es ist super privat unter zu kommen und so mehr vom Leben der hiesigen Studenten mit zu bekommen. Trotz großer Sprachbarrieren wenn Vicky mal nicht mit dabei ist, geben sich alle größte Mühe und am Ende klappt alles - so wurde es uns letztendlich ermöglicht das Deutschlandspiel um 1Uhr Ortszeit zu verfolgen (+4 zu Deutschland).
Es wird viel Gelacht. Dabei bleibt für uns manchmal unklar, ob wir nicht (ob unserer perfekten Aussprache) ausgelacht werden, aber wir haben uns wohl einen Dagestan-Dialekt (der ersten russischen Region die wir bereisten) zugelegt, welche(r) hier wohl weniger gemocht werden als Preußen in Bayern.

Dann folgte am ersten Abend das nächste Interview auf dem Dach eines Hauses mit Blick über die Stadt und zu guter letzt am darauffolgenden Nachmittag ein Fernsehe-Interview mit dem Lokalsender von Orsk. Routiniert wie wir mittlerweile waren, war der Reporter wohl nervöser als wir. Aber das tolle war, dass wir lediglich englisch zu stammeln brauchten, was dann letzlich von Vicky sicher sinnvoll zusammengefasst und übersetzt wurde. Auf manche Fragen brauchten wir sogar gar nicht mehr antworten, da Vicky den vollen Durchblick hatte. Dreist ist nur, dass einige ungefragt auch unsere Bilder nutzen - und damit ist nicht unserer eigener Fan-Club in einem russischen Facebook-Verschnitt gemeint, sondern die Plattformen, die damit auch Geld verdienen.

Infos, Bilder, Eindrücke der Interviews versuch ich noch nachzureichen.

1. Interview an der Grenze: http://www.ural56.ru/news/23/373220/

3. Interview: http://pda.orsk.ru/index.php?r=news/article&id=48516

"Fan-Club": http://m.vk.com/event69984823